Fenster mit Symbolkraft
Gedenkstätte für vorgeburtlich verstorbene Kinder bietet Möglichkeit zum Abschiednehmen

Von Ulla Wolanewitz
Coesfeld. "Trauer ist ein ganz persönlicher Prozess", so formuliert es Schwester Paula Wessel, die seit 2002 als Seelsorgerin und Trauerbegleiterin für das St.
Vincenz-Hospital tätig ist. Wenn Kinder versterben im Kreißsaal, auf der Intensiv- oder der Kinderstation, dann ist sie da als Ansprechpartnerin. "Aber ich bin nicht nur bei Tod in der Nähe", betont
die Ordenschwester. Viele Kinder, die in Coesfeld das Licht der Welt erblicken, machen Bekanntschaft mit Schwester Paula.
"Es ist schön, die Kinder aus den ersten Jahren meiner Tätigkeit, heranwachsen zu sehen", sagt sie. Insbesondere steht sie auch Eltern von Fehl- oder Totgeburten – sofern das gewünscht ist –
begleitend zur Seite. Seit acht Jahren gibt es die Selbsthilfegruppe der trauernden Eltern, die sich regelmäßig trifft, um unterstützend die Trauerbearbeitung zu bewältigen. "Das ist keine
öffentliche Gruppe. Im Vorgespräch schauen wir gemeinsam, ob das für die Betreffenden das Richtige ist oder was ihnen ansonsten weiterhelfen könnte", so Schwester Paula. Lange Zeit gab es in NRW
keine Bestattungspflicht für verstorbene Kinder unter 500 Gramm.
Die Initiative zur Errichtung einer ehrwürdigen Grabstätte mit Gedenkstein - vor acht Jahren – für eben diese Kinder, ist auf die Mit-Initiative von Dr. Norbert Riedl, seinerzeit Chefarzt der
Gynäkologie am St. Vincenz-Hospital, zurückzuführen. Dem Mediziner ist es ein sehr großes Herzensanliegen gewesen, einen solchen Ort zum Abschiednehmen anbieten können zu können. Dr. Riedl holte
seinen Kollegen Dr. Egbert Lang, damals einer der Chefärzte der Kinderklinik, mit ins Boot und mit ihrem gemeinsamen Engagement erreichten sie, dass die Umsetzung dieser guten Idee, Begleitung von
vielen unterstützenden Kräften bekam. Die Kirchengemeinde - seinerzeit noch St. Jakobi, heute St. Lamberti - stellte kostenlos die Grabstätte auf dem Friedhof an der Marienburg zur Verfügung,
Bestatter und Friedhofsgärtner sagten kostenfreie Hilfe zu und die Künstlerin Mechtild Ammann übernahm die künstlerische Gestaltung des Gedenksteins. Drei Mal im Jahr - im März, Juni und im November
- finden hier die Bestattungen der verstorbenen Kinder unter 500 Gramm statt.
Schwester Paula und Sandra Wedewer vom Bunten Kreis Münsterland kümmern sich um eine gute Wegbegleitung für die Eltern von verstorbenen Kindern und die Gedenkstätte auf dem Friedhof an der Marienburg"Manchmal ist die Kapelle bis auf den letzten Platz gefüllt. Teilweise sind auch die Großeltern mit dabei", weiß Sandra Wedewer zu berichten. Die Mitarbeiterin von "Der bunte Kreis Münsterland" schaut an dieser Gedenkstätte regelmäßig nach dem Rechten, entsorgt abgebrannte Kerzen, erledigt einen Teil der Pflege. Aus eigener Betroffenheit liegt ihr dieser Ort persönlich sehr am Herzen. Der Gedenkstein, in Form eines großen Hauses gestaltet, hat viele kleine Fenster. Darauf befinden sich kleine Metallschilder, auf denen Kindernamen und Geburtsdaten graviert sind. "Als Symbol", erklärt Schwester Paula. "Das hat einen hohen Wert für die Eltern." Sie erinnert sich an eine ältere alleinstehende Dame, die dieses Angebot dankend in Anspruch nahm. Die Frau musste 1958 ihr Kind tot auf die Welt bringen und nutzte diesen Ort und die Gedenkfeier als ehrwürdige Form der Verabschiedung. "Im Krankenhaus erkläre ich den betroffenen Eltern, dass sie eine Einladung zu dieser Bestattungmöglichkeit von mir bekommen", macht Schwester Paula deutlich. "Wenn mir Eltern sagen, dass sie keine Einladung möchten, ist das auch in Ordnung." Manchmal allerdings, so weiß sie aus ihrer langjährigen Erfahrung, kommen die Betroffenen ein Jahr später noch einmal auf sie zu, erklären, dass sie damals noch nicht soweit gewesen seien, den Kopf dafür nicht frei hatten und das Angebot dann trotzdem annehmen und "dann ist das auch vollkommen in Ordnung", versichert die Seelsorgerin. Denn Trauer bleibt eben ein ganz persönlicher Prozess.