Zum Tag des Frühgeborenen
"Gerangel um Frühchen" - Kinder unter 1250 Gramm sollen nur noch in ausgewählten Kliniken zur Welt kommen
Münsterland. "Ich fühle mich hier bestens betreut. Alle kümmern sich um mein Wohlergehen", sagt Elke Welling-Spielbrink aus Rorup. Seit ihrer 16.
Schwangerschaftswoche liegt sie in den Christophorus-Kliniken in Coesfeld, "da es Komplikationen gab". Hier fühlt sie sich gut aufgehoben. Ihr Mann und ihre Tochter Luzie besuchen sie täglich.
Zehn Wochen bleiben der 33 Jahre alten Mutter noch bis zum errechneten Geburtstermin. "Sie ist sehr tapfer", lobt Dr. Hubert Gerleve seine Patientin. Er ist Chefarzt der Kinder- und Jugendklinik der
Christophorus-Kliniken, die derzeit noch zum Perinatalzentrum (Zentrum für Früh- und Neugeborene) Level 1 gehören. Große Sorgen aber bereitet dem Mediziner die sogenannte "Mindestmengenregelung", die
der Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) unlängst beschlossen hat. Sie soll zum 1. Januar 2011 in Kraft treten.

Danach sollen Frühgeborene mit einem Gewicht von unter 1250 Gramm nur noch in Kliniken zur Welt kommen, die mindestens 30 solcher Geburten pro Jahr vorweisen können. Die Klinik in Coesfeld erreicht
diese Zahl nicht immer. "Quantität ist kein Qualitätsindikator. Es macht keinen Sinn, gut gewachsene, funktionierende Infrastrukturen zu zerstören. Von dem Fachwissen und der Kompetenz, die wir den
Frühgeborenen bieten, profitieren auch alle anderen Neugeborenen", sagt Dr. Gerleve. Maßstab müsse vielmehr sein, dass unter einem Dach die Zusammenarbeit zwischen Geburtshilfe, Pränataldiagnostik
und Frühgeborenen-Intensivstation gut funktioniert.
"Kurze Wege sowie eine gute Erreichbarkeit", ergänzt Dr. Hans-Georg Hoffmann, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin im Mathias-Spital in Rheine, seien die entscheidenden Punkte, die eine
gute Versorgung ausmachen. Schließlich verbleiben die Frühgeborenen oft noch Wochen nach der Geburt in der Klinik. "Mindestmengen" sagt er, seien der absolut falsche Denkansatz: "Wir versuchen
Frühgeburten zu vermeiden und jede Schwangerschaft zu halten, so lange es möglich ist."
Mediziner und Eltern gehen deshalb auf die Barrikaden. "Wir klagen gegen diesen Beschluss. Die Zahl 30 ist willkürlich festgesetzt worden", kritisiert Dr. Ulrich Flotmann, Chefarzt der Kinder- und
Jugendklinik im münsterischen St.-Franziskus-Hospital.
Das Universitätsklinikum in Münster (UKM) ist nach dem Stand der Dinge nicht von der geplanten Einführung der Mindestmengenregelung betroffen, weil es mit seiner Kinder- und Neurochirurgie die
besonders komplizierten Fälle behandelt. Darum warnt Prof. Dr. Heymut Omran, Direktor der dortigen Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin auch davor, Ängste zu schüren. Er betont
vielmehr die hervorragende Kooperation zwischen den Kliniken in der Region und dem UKM. Obwohl die Uniklinik im Geburtenvergleich von 21 Krankenhäusern im Münsterland hinter dem St.
Franziskus-Hospital Münster (1), dem Mathias-Spital Rheine (2) und den Christophorus-Kliniken Coesfeld (3) auf Platz acht liegt, wird es darum Perinatalzentrum Level 1 bleiben.
Auch Antje Wenning aus Legden, Mutter von Zwillingen, geht gegen die "G-BA- Mindestmenge" vor. Sie hat sich dazu an verschiedene Politiker gewandt. In den Christophorus-Kliniken wurde sie seinerzeit
mit dem Satz "Schwangere Frauen, die sich Sorgen machen, dürfen immer zu uns kommen" empfangen. "Nachdem mich die Uniklinik trotz Wehen entlassen hatte", sagt sie.
Westfälische Nachrichten / Westfalen / 17. November 2011